HipHop von der Straße ohne Umwege
Etwa Anfang der 80er Jahre ist die HipHop-Welle zu uns nach Deutschland geschwappt, zum Teil durch das Fernsehen und zum Teil durch afroamerikanische GIs, die in Deutschland stationiert waren. Seit dieser Zeit hat sich einiges getan und HipHop ist mit seinen 5 Elementen (Graffiti, Rap, Breakdance, DJ’ing, Beat Box) zu einer generationenübergreifenden Kulturbewegung herangewachsen. In jeder großen und auch nicht so großen Stadt kommt man nicht mehr darum herum, die Wände sind besprüht, Rapmusik dröhnt aus den Kinderzimmern, die Jugendlichen laufen in Baggys und New Era Caps durch die Gegend. HipHop hat seinen globalen Siegeszug angetreten. Überall auf der Welt wird HipHop praktiziert, von Arm bis Stinkreich, von Schwarz bis Weiß, alle tun es. Aber was genau ist HipHop? Und warum konnte er sich so schnell und so weit verbreiten?
Diese und noch viele andere Fragen haben sich zigtausend Menschen schon gestellt, ohne dass es jemals zu einer einheitlichen Definition von HipHop gekommen wäre. Einige Gruppen/Vereine haben versucht, das HipHop-Ding für sich zu beanspruchen, indem sie versucht haben, HipHop zu definieren und Regeln aufzustellen, wie ein HipHopper auszusehen und zu handeln bzw. zu sein habe. So auch die Zulu Nation mit Afrika Bambaata an ihrer Spitze, der HipHop als Gegenbewegung zu der ebenfalls stetig wachsenden Gangkultur ausgerufen hat. Die Jugendlichen sollten sich mit Flows, Styles und Skills auseinandersetzen anstatt mit Waffen … an und für sich ein guter Gedanke, das Verkehrte daran war, die Bewegung für sich zu beanspruchen, dem Ganzen diese Ideologie als Maske aufzusetzen und sich mit etwas zu profilieren, was einfach aus der Notwendigkeit heraus entstanden ist, obwohl HipHop keinerlei Führung, geschweige denn Uniformität benötigt.
So passiert es heute noch, dass Menschen sich darüber streiten, wer HipHop ist und wer nicht.Zum Beispiel: »Ist 50 Cent HipHop? Der ist doch ein Gangster? Oder ein Punk, der sprüht, ist der HipHop, obwohl er einen Irokesen trägt? Ist Bushido HipHop? Der ist doch total Kommerz« usw …
Ob jetzt nun ein 50 Cent oder Bushido HipHop sind oder nicht, sie haben das Beste aus ihrer Situation gemacht, haben Erfolg und sind unabhängige Unternehmer geworden, wie viele andere Rapper, Djs und Sprüher auch. Und genau darum ging es letztendlich ja auch, aus dem Sumpf von Gewalt, Elend und Perspektivlosigkeit zu entkommen, sich Perspektiven zu schaffen, den eigenen Weg zu gehen. Und wenn man das mal mit der Zulu Nation/Afrika Bambaata vergleicht, die für einen Besuch in den Favelas (Slums in Brasilien) mehrere Tausend Dollars Gage haben wollten plus ein 5-Sterne-Hotel und First-Class-Flug, und weil diese Forderungen nicht alle sofort erfüllt werden konnten, ein Bambaata diese Ghetto-Jungs auf mehrere Tausend Dollars verklagte, dann ist meiner Meinung nach ein 50 Cent oder Bushido definitiv mehr HipHop und mir lieber als ein alter Sack, der den Ghetto-Propheten raushängen lässt und sich dabei verhält wie ein Bonzenschwein. Wenn man mal zurückgeht zu den Anfangszeiten des HipHops Ende der 70er Jahre in Amerika … Schwarze, Latinos und sonstige Minderheiten, die in den Ghettos lebten, hatten wegen ihrer finanziellen Möglichkeiten und auch wegen der Hautfarbe keine Chance, in die angesagten Klubs zu kommen, sie wurden wie im gesamten öffentlichen Leben auch hier außen vorgelassen. Sie waren die Unterschicht, bewohnten die heruntergekommenen Viertel der Stadt, lebten auf engstem Raum, zusammengepfercht mit sehr wenigen Mitteln und ohne Hoffnung auf mehr. Zu dieser Zeit hatten einige Leute die Idee, leer stehende Häuser zu besetzen und ihre eigenen Partys dort zu feiern, die legendären Block Partys nahmen ihren Anfang, jeder konnte mitmachen, der Lust darauf hatte. Man blieb nicht dabei, eigene Partys zu veranstalten, man entwickelte eine eigene Musikform, die Schallplatten wurden zum Takt der Musik rückwärts bewegt und andere nicht dagewesene Sounds entstanden. Mcs begleiteten die Party am Mikrofon und heizten den Leuten ein. Darüber hinaus wurde, passend zu der neuen Musik, ein Tanz entwickelt, der eine Mischung aus Capoeira und Akrobatik zu sein schien, der Breakdance. Die Sprüher, zu der Zeit an den Zügen aktiv, gesellten sich dazu, und das Ganze nannte sich dann HipHop oder wurde HipHop genannt. Wie schon seit jeher wollten sich die Menschen messen, der Wettbewerb begann, im HipHop-Slang, auch Battle genannt, wer die besseren Flows, Skills und Styles hatte, gewann … Es ging um Respekt und Anerkennung.
Um noch einmal darauf zurückzukommen, wer oder was HipHop ist oder nicht, es hat nie irgendwelche Regeln oder Normen gegeben, außer der Ästhetik dessen, was man rausgehauen hat. Eher hat man alle existierenden Regeln über Bord geworfen und das Beste aus der Situation gemacht. Man hat sich den öffentlichen Raum, der einem nicht zustand, genommen ohne zu fragen. Es wurde sprichwörtlich aus Scheiße Gold gemacht.
Was diese Bewegung schon immer ausgemacht hat, waren Kreativität und Aktion mit einer gesunden Portion Selbstliebe, nicht der Konsum, dazu haben einfach die Mittel gefehlt. HipHop war immer laut und grell, provokant und wahrheitsliebend, mit dem Blick nach vorn. Nach dem Prinzip, direkt in die Fresse ohne Rücksicht, von der Straße ohne Umwege an den Mann gebrachte Kunst.
Da, wo es früher gebrannt hat und es zu Straßenschlachten gekommen ist, schlagen wir heute unsere Schlacht erneut, diesmal verbal und mit Musik unterlegt, aber es ist immer noch der Kampf um Respekt, Anerkennung und ein würdevolles Leben.
Verbleibt in Frieden!
Senol36 Kingz