Die ewige Frage nach der „Wahrheit“ oder das Ende einer Ära
„Berliner Maifestspiele Reloaded“2003 filmten wir die Geschehnisse um den 1. Mai in Kreuzberg und zwar aus 5 Perspektiven, Demonstration, Polizei, Presse, Politik und Myfestbesucher. 2004, pünktlich zum 1. Mai konnten wir den Dokumentarfilm „Berliner Mai Festspiele„ in die Kinos bringen und damit einige Kontroversen auslösen.
Der Erfolg dieser Dokumentation beruhte darauf, dass es zum ersten und zum einzigen Mal gelungen ist, dieses „Ritual“, das sich seit Jahren uhrwerkhaft abspielte, ein Gesicht und den unterschiedlichen Akteuren die Gelegenheit zu geben, ihre Rolle und damit ihr Handeln von außen neu zu bewerten. Und natürlich einer breiten Öffentlichkeit sich selbst ein Bild über die Ereignisse der Kreuzberger traditionellen 1.Mai Krawalle zu machen. Einer der überraschenden Momente war, dass bei der Premiere im April 2004 im Filmkunsthaus Babylon sowohl ranghohe Polizeiführer mit Anführern der autonomen Linken plötzlich eine Gesprächsebene gefunden haben. Zahlreiche Medienberichte und Akteure haben uns bestärkt, eine fortlaufende dokumentarische Begleitung des 1. Mai´ s in Kreuzberg zu wagen. Im Mittelpunkt unseres seitdem laufenden dokumentarischen Mammut-Vorhabens standen wiederum die jeweiligen Akteure oder „Spieler“ dieses jährlich wiederkehrenden Mai-Feiertages, allerdings nicht nur am legendären 1.Mai, sondern zum Teil über das ganze Jahr in ihrem „normalen“ Leben und Aktivitäten.
Silke Fischer : Myfestorganisatorin, Dr. Erhart Körting: Innensenator. Michael Gronewitter: Antifa Berlin, Gunar und Birgit: Autonome Anti-Nato Gruppe Berlin, Anwohner und Mitwirkende des Myfestes sowie politische Akteure des Bezirksamtes Kreuzbergs und Einsatzbeamte unterschiedlichen Ranges der Berliner Polizei.
Es ist für uns und für künftige Zuschauer eine einmalige Gelegenheit solch einen tiefen Einblick in gesellschaftliche Strukturen und dem Umgang mit gesellschaftlichen Gewaltphänomen und den damit zusammenhängenden Ausbrüchen, aber auch Lösungen, Gegenstrategien und Wertevorstellungen der jeweiligen Protagonisten in persönlichen Porträts zu filmen, die wiederum gesamtgesellschaftlich betrachtet von der sogenannten Mikro-Ebene auf einer Makro-Ebene global betrachtet Aha-Erlebnisse für die fernen politischen Ereignisse dieser Welt erzeugen können.
Eine mögliche Erkenntnis zeichnet sich bereits ab. Es ist nie die Masse, die den Anstoß zur Veränderung bringt, es sind immer einzelne „besondere Personen“, die etwas wagen und der Kritik und dem Gegendruck aufgrund ihrer persönlichen Wertevorstellung dieser Welt standhalten. Und so ist z.B. Silke Fischer eine zentrale Person im Laufe der Jahre dieser Dokumentation geworden. Man kann anhand des Filmmateriales eindrücklich sehen wie verschiedenste Interessen von „Außen“ mit unterschiedlichen Taktiken versuchen, ein von unten organisiertes Anwohnerfest für sich zu vereinnahmen. Sei es, das Fest zu kommerzialisieren oder für eigene politische oder andere Zwecke zu instrumentalisieren. Auch gibt das Filmmaterial Einblick in ein auf Solidarität und Nachbarschaftshilfe basierendes System, das sich nicht nur auf den 1. Mai beschränkt, sondern auf den Rest des Jahres, immerhin 364 von 365 Tagen, ebenso ausstrahlt. So werden sogenannte „Migranten-Jugendliche“, die von der Öffentlichkeit an den Rand der Gesellschaft platziert werden, durch den Impuls „Myfest“ wieder in die Gesellschaft, sprich nach Hause oder genauer gesagt nach Kreuzberg geholt.
All diese kleinen Schritte und nicht die großen Schlagzeilen oder markigen Sprüche der Presse und Politik vermag gesellschaftliche Veränderung herbeizuführen. Es sind die kleinen unsichtbaren Prozesse und das Engagement Einzelner, wodurch sowohl Werte einer Gesellschaft wie auch Solidarität zwischen Menschen vermittelt werden.
Und so stoßen oftmals in den letzten Jahren unserer Filmdokumentation „wachsende Bürger-Solidarität“ auf „parteipolitisch verstandene Demokratie“ aufeinander und erzeugen Spannungen, die im Filmmaterial spürbar sind und von Personen getragen werden.
Aus unserer Sicht ist mit dem Jahre 2009 und den gravierenden Veränderungen für 2010 eine Ära zu Ende gegangen. Kurz zusammengefasst: Die Idee der anwohnergetragenen Gewaltprävention sprich „Myfest von uns für uns“ ist ganz offensichtlich passee.
Nun sind die Kräfte der Kommerzialisierung und Partei-Politisierung des Bezirksamtes Kreuzberg, in der Person von Bezirksbürgermeister Franz Schulz am Hebel. Ob dieser wirkungsvoller und wirklich „der längere Hebel der Politik von oben“ sein wird, das wird spannend für die nächsten Jahre der Dokumentation für uns als Filmemacher und natürlich für ein interessiertes künftiges Publikum.
Marc Konik - www.vitri-film.de
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